TALENTE BERICHTEN: Gülten allein im Corona Home Schooling

Wir haben unsere Talente im Rahmen unserer Info-Reihe #gewusstwie zu aktuellen Themen wie z. B. Lernen Zuhause, Lernstrategien und -plattformen oder Entspannung aufgefordert zu erzählen, wie es ihnen gerade geht und was sie in den vergangenen Monaten so bewegt hat. Es haben uns einige Beiträge von Schüler*innen, Studierenden und Auszubildenden erreicht, die wir euch in der neuen Rubrik #gewusstwie – TALENTstimmen im O-Ton vorstellen wollen.

Heute berichtet Gülten, die gerade ihr Abitur in Bielefeld gemacht hat,  von ihren Schwierigkeiten und Problemen mit der ungewollten Auszeit der letzten Monate.

Ende letzten Jahres, in der chinesischen Stadt Wuhan, brach eine Atemwegserkrankung namens COVID-19 aus. Dies war der Anfang einer Pandemie, welche jeden einzelnen von uns zu Hause isolierte.

13 Jahre habe ich für mein Ziel hart gearbeitet und auch in schwierigen Situationen mögliche Hilfe angeboten bekommen. Doch wie ist es, wenn jeder Mensch plötzlich auf sich allein gestellt ist und der Hilferuf von unzähligen Schülern in den Hintergrund rückt?

In den letzten 10-12 Wochen ist vieles passiert und verändert worden, wodurch wir uns alle einen neuen Alltag gestaltet haben. Das Abitur zu erreichen gehörte für mich immer zur höchsten Priorität, da es der höchste Schulabschluss in Deutschland ist, den man erwerben kann. Als der „Ausbruch“ kam, waren wir alle plötzlich auf uns alleine gestellt und auch das Schulministerium musste sich zunächst einen guten Plan erstellen, um es für alle Schülerinnen und Schüler gerecht zu machen. Es gab viele Theorien, Meinungsverschiedenheiten, Abstimmungen und Diskussionen über die Zulassung der Abiturprüfungen. Für uns war es demnach nicht leicht zu wissen, wann genau man anfangen konnte zu lernen, ob man überhaupt lernen sollte oder ob die Schule wieder öffnen würde. Aufgrund der Ausgangsbeschränkung und der Schließung sämtlicher Bildungseinrichtungen war es uns nicht möglich, in den Universitäten oder Bibliotheken zu lernen. Stattdessen mussten wir zwischen Geschwistern, Eltern und in unseren eigenen vier Wänden für den Abschluss lernen, was eine große Herausforderung für uns darstellte. Nicht nur von der Thematik her, sondern auch die psychische Belastung kam hinzu.

Es war selbstverständlich nicht für alle Schülerinnen und Schüler möglich, auf digitalen Plattformen Arbeitsblätter abzurufen und Aufgaben zu bewältigen. Zumal die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler in einem Vier- bis Sechspersonenhaushalt lebt und sie sich dementsprechend mit der technischen Ausrüstung abwechseln müssen. Auch mir ist es sehr schwer gefallen auf digitalem Wege zu lernen, weil wir sonst in der Schule kaum Arbeitsblätter auf diesem Wege bekommen haben und Aufgaben nur sehr selten an die Lehrkräfte verschicken mussten. Es war eine Umstellung, dessen Konzept am Ende nicht aufgegangen ist. Warum? Man hat sich für die Minderheit der Schülerinnen und Schüler entschieden, von denen man ausging, dass sie die Kapazitäten und entsprechende Ausrüstung haben, um Online-Vorlesungen nachzugehen und Aufgaben zu bewältigen. Es ist extrem schwer zu lernen, wenn im Hintergrund noch Geschwister sind, die sich selbstverständlich die Zeit vertreiben wollen und spielen oder gar selbst Hausaufgaben machen.

Alle Schulen haben versucht, uns Schülerinnen und Schüler auf das Abitur bestmöglich vorzubereiten. Leider gab es aber zum Teil so viele Aufgaben zu erledigen, dass wir kaum hinterher gekommen sind. Selten habe ich das Gefühl bekommen, dass man auch Rücksicht darauf nimmt, dass eine Ausnahmesituation unser Leben zurzeit extrem einschränkt, welche für uns alle eine neue Situation darstellt, mit der wir erstmal zurechtkommen müssen. Es ist eine extrem psychische Belastung der man ausgesetzt ist, die viel Verunsicherung auslöst und viele Fragen hinterlässt. Kaum zu glauben, dass man sich in so einer Zeit damit beschäftigen muss, für seinen Abschluss zu lernen, der nicht einmal sicher war.

Auf digitalem Wege wurden uns viele Arbeitsblätter ausgeteilt, welche mir jedoch auf den Laptop nicht viel gebracht haben. Demnach musste ich mir erst einmal einen Drucker zulegen, um alle Arbeitsblätter ausdrucken zu können. Es war wirklich sehr umständlich und auf Dauer gefiel mir diese Methode nicht, weil es auch unübersichtlich war. Ich kann am besten lernen, wenn ich alle Blätter vor mich habe. Hier musste ich aber auf unterschiedliche E-Mails zugreifen, um Blätter abzurufen. Das Talentscouting hat mich jedoch bei meiner Berufswahl und der herrschenden Situation versucht zu unterstützten, indem Telefonate geführt werden konnten und dabei auch Sorgen zur Sprache gekommen sind.

Ich denke, es ist extrem schwer, Schülerinnen und Schüler auf den Abschluss vorzubereiten, wenn nicht einmal feststeht, ob die Prüfungen stattfinden können oder nicht. Demnach haben wir alle auf eine gewisse Weise blind gelernt, ohne ein richtiges Ziel vor Augen zu haben. Nachdem sich jeder versucht hat an die Situation zu gewöhnen, wurden auch sehr schnell die Schulen unter besonderen Maßnahmen geöffnet. So wurde uns ein improvisierter Blockunterricht gewährleistet, der mir besonders gut gefallen hat, da man mit einer sehr geringen Anzahl an Schülerinnen und Schüler in der Klasse war und so den Stoff besser mitverfolgen konnte und Verständnisfragen genauer in Betracht gezogen worden sind.

Mir hat diese Zeit beigebracht, dass es nicht nur wichtig ist, den Schülerinnen und Schüler zu zeigen, dass man trotzdem Arbeitsblätter bekommt und Aufgaben zu bewältigen hat. Es ist wichtig zu zeigen, dass man als Lehrkraft für jemanden da ist und vor allem Verständnis für diejenigen Schülerinnen und Schüler hat, die es nicht so einfach haben wie andere. Diese Zeit ist nicht für jeden leicht und wir alle haben mit unseren eigenen Problemen zu kämpfen. Aber innerhalb einer Pandemie, allein, zu Hause, ohne professionelle Hilfe zu lernen ist, glaube ich, die größte Hürde, die ich jemals überwunden habe. Und es macht mich sehr stolz zu erkennen, dass dies kein Hindernis für mich war, den Abschluss zu erzielen, auf den ich so hart hingearbeitet habe. Vielleicht war auch all das die beste Vorbereitung für das „richtige“ Leben was jetzt, nach 13 Jahren Schule, für mich beginnen wird.“

Autor: Gülten Paksoy