„Für mich ist es nicht selbstverständlich, dass mir jemand hilft“

Kaya (20) ist Schüler an der Anne-Frank-Gesamtschule in Gütersloh und steckt mitten im Abitur. Er ist sich noch nicht sicher, wie er sich beruflich orientieren will. Was er aber weiß ist, dass er Erfahrungen mit anderen Kulturen und Menschen sammeln möchte. Daher hat er sich mit Unterstützung von Talentscout Anne Bühner von der Universität Bielefeld für ein Freiwilliges Soziales Jahr im Ausland (FSJ) bei der Deutschen Seemannsmission erfolgreich beworben. Ab August 2019 wird er sich im Seemannshotel in Antwerpen um Seeleute aus aller Welt kümmern. In dieser Zeit will er sich entscheiden, wie es anschließend weitergeht.

Schüler mit eigenem Kopf

Kaya ist zusammen mit seinem Bruder in einer türkischstämmigen Familie aufgewachsen. Seine Eltern sind selbstständig tätig und haben selbst keine Erfahrungen mit Studium und Berufsausbildung in Deutschland.  Die Mutter hat ihn und seinen Bruder seit seinem 9. Lebensjahr alleine großgezogen. Dadurch musste er oft alleine zurechtkommen. „Ich war immer auf mich alleine gestellt und musste für mich sorgen. Dadurch habe ich aber viel gelernt“, erzählt Kaya. „In der Schule hatte ich mit den Lehrern immer mal wieder Probleme, weil ich meine eigenen Vorstellungen hatte und den Unterricht nicht interessant fand. Meine Noten haben aber immer gepasst“, ergänzt er selbstbewusst. Um nebenbei Geld zu verdienen, jobbte er in Cafés und fand auch noch Zeit, sich in einem Altenheim ehrenamtlich um Senioren zu kümmern.

Wenn du etwas wirklich willst, dann schaffst du das auch

Kaya hat die Fachoberschulreife auf der Realschule gemacht. Seine Familie und seine Lehrer hätten es gern gesehen, wenn er anschließend eine Ausbildung gemacht hätte. Kaya war sich aber nicht sicher, ob das der richtige Weg für ihn ist. Er wollte weiter zur Schule gehen, um mehr Zeit für eine Entscheidung zu gewinnen. Kurz vor Abschluss der Realschule legte er sich daher noch einmal richtig ins Zeug und bekam den Q-Vermerk für die gymnasiale Oberstufe. Nach dem Wechsel auf die Anne-Frank-Gesamtschule in Gütersloh wurde ihm jedoch klar, dass er einiges nachzuholen hatte. Er legte in der Jahrgangsstufe 12 freiwillig eine Ehrenrunde ein, um seine Noten zu verbessern. Dank seiner schnellen Auffassungsgabe ist ihm das auch gelungen. Mit Deutsch und Geschichte wählte er Leistungskurse, in denen ihm seine Sprachbegabung und sein Interesse für Zusammenhänge zugutekamen. „Wenn du etwas wirklich willst, dann schaffst du das auch“, sagt Kaya überzeugt.

Zum ersten Mal hört mir jemand richtig zu und nimmt mich ernst

Als es in der Jahrgangsstufe 13 erneut um die Studien- und Berufsorientierung geht, wusste Kaya nicht, wie es nach dem Abitur für ihn weitergehen sollte. Er wollte sich noch nicht festlegen und hatte auch keine Vorstellungen davon, was er überhaupt machen könnte. In der Familie fand er wenig Unterstützung für seinen Wunsch, die Welt zu sehen und andere Kulturen kennenzulernen. „Sie verstehen nicht, dass ich Dinge ausprobieren und meinen Horizont erweitern will“, sagt er.

Im September 2018 hörte er in der Schule zum ersten Mal vom Talentscouting. Er fragte nach und bekam einen Termin bei Talentscout Anne. „Ich bin mit ihr sehr schnell ins Gespräch gekommen. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass mir jemand richtig zuhört“, erklärt Kaya. „Sie nimmt mich ernst und gibt mir viele Denkanstöße“, ergänzt er.

Es ist in Ordnung, wenn ich mich jetzt noch nicht entscheide

Talentscout Anne hatte auch Verständnis dafür, dass er sich noch nicht auf ein Studium oder eine Ausbildung festlegen wollte. Sie unterstützte ihn bei seinen Überlegungen, noch ein Jahr im Ausland anzuschließen. Kaya wollte jedoch nicht einfach nur reisen, sondern suchte eine sinnstiftende Tätigkeit. Auf Anregung von Anne informierte er sich über ein Freiwilliges Soziales Jahr im Ausland. Dabei stieß er auf das Angebot der Deutschen Seemannsmission, die in internationalen Häfen wie Amsterdam, Rotterdam oder Antwerpen Seeleute aus aller Welt betreuen. Die vielfältigen Aufgaben für die freiwilligen Helfer bei der organisatorischen und menschlichen Unterstützung der Seeleute, die weit weg von ihren Familien in den fremden Häfen zurechtkommen müssen, sprachen Kaya an.  Die Bewerbung war jedoch eine große Hürde für ihn, bei der ihm niemand aus seinem Umfeld helfen konnte. Entmutigt erzählte er Talentscout Anne davon. Sie lud ihn kurzerhand an die Uni Bielefeld ein und erarbeitete mit ihm einen Lebenslauf und ein Motivationsschreiben. „Mit Hilfe von Anne habe ich eine Bewerbung geschrieben, die sich sehen lassen kann“, erklärt Kaya stolz.

Es ist schön, wenn sich jemand mit mir freut

Die Bewerbung war erfolgreich, von 30 Bewerbungen wurden 4 ausgewählt, zu denen Kayas Bewerbung zählte. Das erste Bewerbungsgespräch in Amsterdam verlief jedoch nicht so positiv und er erhielt eine Absage. Wenig später meldete sich die Seemannsmission in Antwerpen und lud ihn zu einem weiteren Bewerbungsgespräch ein.  Zu seiner Freude war das Bewerbungsgespräch hier viel besser und er erhielt die Zusage, ab August für ein Jahr im Seemannshotel der Seemannsmission in Antwerpen zu arbeiten. Talentscout Anne war genauso begeistert wie er selbst. „Es war toll zu sehen, dass sich jemand mit mir freut“, sagt Kaya.

Mein Talenscout gibt mir den nötigen Rückenwind

Er hat aber auch Angst, ob es ihm gelingt, sich in dem Jahr zu entscheiden, wie es dann weitergeht. „Ich mache mir Sorgen, dass ich irgendwo hängenbleibe, wo ich gar nicht hin will“, sagt Kaya. Daher will er mit seinem Talentscout in Kontakt bleiben. „Alleine traue ich mich nicht weiterzudenken, aber mit Anne kann ich über meine Ideen sprechen. Sie gibt mir den nötigen Rückenwind“, sagt er.

Kaya hat gesehen, dass seine Freunde aus ihrem Leben oft nichts Besonderes machen. Er will aber mehr vom Leben. Er überlegt, vielleicht eine Schauspielschule zu besuchen. Bereits in der Theater AG hatte er sehr viel Freude am Theaterspielen und hat gemerkt, dass ihm das liegt.  Sein Talentscout bestärkt ihn, diesen Weg auszuprobieren. „Für mich ist es nicht selbstverständlich, dass ich mich an jemanden wenden kann, der mir ohne Hintergedanken hilft. Das ist etwas ganz Besonderes für mich“, versichert er.

Autor: Talentscouting OWL